Warum unser Datenraum einen Verein braucht

von Christoph Herr, Geschäftsführer | sphin-X e.V.

„Warum braucht es einen Verein für einen branchenspezifischen Datenraum?“ Diese Frage begegnet mir häufig – und sie stellt sich in nahezu jeder Branche, die über den Aufbau eines gemeinsamen Datenraums nachdenkt. Drei Aspekte sind dafür entscheidend:

1) Wann ist ein Datenraum sinnvoll?
Ein Datenraum ist kein Allzweckwerkzeug für die Digitalisierung. Er entfaltet seinen Mehrwert vor allem dann, wenn Prozesse über das eigene Unternehmen oder den eigenen Standort hinausgehen – also über Standorte, Regionen oder Länder hinweg. In solchen Prozessen arbeiten in der Regel mehrere Unternehmen oder Organisationen zusammen. Typische Beispiele sind Beschaffungs- und Lieferprozesse, in denen regulatorische Vorgaben – etwa der Digitale Produktpass oder die Nachhaltigkeitsberichterstattung – Unternehmen dazu verpflichten, Daten entlang der kompletten Wertschöpfungskette zu erheben und auszutauschen. Ein Datenraum bietet hier deutliche Kosten- und Effizienzvorteile gegenüber zentralen Datenbanken, da er föderiert funktioniert und keine zentrale Datenspeicherung erfordert.

Auch im produzierenden Gewerbe kann ein Datenraum helfen: Obwohl Shopfloor-Prozesse meist standortgebunden sind, agieren die beteiligten Maschinen wie unabhängige Einheiten. Je besser sie semantisch miteinander interagieren, desto reibungsloser funktioniert der End-to-End-Prozess – was zu weniger manuellen Tätigkeiten und geringeren Kosten führt.

In der Gesundheitsbranche wiederum werden für klinische Studien häufig (anonymisierte oder pseudonymisierte) Daten über Jahre hinweg manuell gesammelt. Ein Datenraum – insbesondere in Form eines Datenmarktplatzes – kann diesen Prozess drastisch beschleunigen und die Kosten deutlich senken.

2) Warum Unternehmen ihre Prozesse im Datenraum abstimmen müssen
Datenräume zeichnen sich dadurch aus, dass mehrere selbstständige Organisationen gemeinsam an Prozessen arbeiten. Bisher wurden die Nahtstellen zwischen ihnen durch bilaterale technische Schnittstellen überbrückt – ein Ansatz, der teuer, komplex und kaum skalierbar ist.

Ein Datenraum löst diese Herausforderung durch Integration über Semantik statt über gemeinsame Datenformate. Das bedeutet:

• Daten werden über Ontologien, Taxonomien, Wissensgraphen oder Semantic Models beschrieben.
• Zentrale Begriffe wie Kunde, Produkt, CO₂-Wert oder Temperatur besitzen eindeutige Bedeutungen, die über URIs definiert sind.
• Systeme können unterschiedliche Formate verwenden – relevant ist nur, dass sie dieselben Konzepte „meinen“.
• Die Semantik ist maschinenlesbar und damit aktiv nutzbar, nicht bloß dokumentiert.

Damit ersetzt der Datenraum unzählige bilaterale Schnittstellen durch einen einheitlichen semantischen Rahmen, der Integrationskosten erheblich reduziert und die Zusammenarbeit erleichtert.

3) Warum ein Verein die richtige Organisationsform ist
Da ein Datenraum von unabhängigen Unternehmen getragen wird, braucht es eine neutrale Instanz, die Regeln, Standards und Rollen definiert und den Austausch koordiniert. Im Rule Book der International Data Spaces Association (IDSA) übernimmt dies die Data Space Governance Authority.

Ein Verein eignet sich dafür besonders gut, weil er:

• neutral ist
• allen Teilnehmern offensteht
• und eine Plattform bietet

… in der Standards, Semantik und Prozesse gemeinsam und kartellrechtskonform erarbeitet werden.

Zudem steigt der Wert eines Datenraums mit der Anzahl relevanter Softwarelösungen, die darin nutzbar sind. Ein Verein bietet den geeigneten Rahmen, in dem Mitglieder solche Lösungen gemeinsam bis zum Prototypen entwickeln dürfen.

Er übernimmt dabei eine Inkubatorfunktion: Er sammelt Ideen, strukturiert sie, begleitet ihre Weiterentwicklung und ermöglicht die Zusammenarbeit mehrerer Akteure. Sobald ein Prototyp marktreif wird, verlässt er den Vereinsrahmen und kann von den beteiligten Unternehmen frei weiterentwickelt werden.

Ob die Wahl am Ende auf einen Verein, eine gGmbH oder eine Genossenschaft fällt, ist zweitrangig. Entscheidend ist: Ein Datenraum benötigt eine formale, neutrale und rechtskonforme Organisationsstruktur, damit Datenraum-Teilnehmende gemeinsam und kartellrechtskonform den Aufbau des Datenraums vorantreiben können.

Christoph_Herr
Christoph Herr,
Geschäftsführer | sphin-X e. V.
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